Sabine Rennefanz über die Wucht der Wendezeit, ostdeutsche Verlusterfahrungen und die Suche nach Zugehörigkeit
Shownotes
„Wir haben gelernt, uns in einer neuen Welt einzufädeln – und das hat Kraft gekostet.“ Ein Satz, der viel von dem beschreibt, worüber Sabine Rennefanz seit Jahren schreibt: über Brüche, Herkunft, Anpassung und die langen Schatten der Nachwendezeit.
Sabine ist Journalistin, Essayistin und Bestsellerautorin. Mit Büchern wie Eisenkinder und Kosakenberg hat sie Texte geschrieben, in denen sich viele Ostdeutsche wiederfinden – nicht, weil sie einfache Antworten liefern, sondern weil sie Erfahrungen ernst nehmen, die lange überhört oder missverstanden wurden.
Geboren in Beeskow, aufgewachsen in Brandenburg, wurde sie zu einer der wichtigsten literarischen und publizistischen Stimmen, wenn es um ostdeutsche Biografien, Verlusterfahrungen und die seelischen Nachwirkungen der Transformation geht.
In dieser Folge von Calling East sprechen wir über:
- die Wende als tiefen biografischen Einschnitt,
- die Unsicherheit der 90er Jahre
- das Weggehen und Zurückschauen
- den Versuch, in einer neuen Ordnung einen Platz zu finden
- Ost-West-Erfahrungen,
- das Schreiben als Form von Selbstverständigung
- die Frage, warum viele Verletzungen von damals bis heute nachwirken.
Eine kluge, dichte und sehr persönliche Folge über Erinnerung, Identität und die Frage, wie viel Vergangenheit in unserer Gegenwart steckt.
Die Highlights der Folge im Fokus
Die Wende als Bruch: Warum Sabine Rennefanz die Zeit nach 1989 nicht nur als Aufbruch, sondern auch als Phase massiver Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Erschöpfung erinnert.
Die übersehene Erfahrung der Nachwendejugend: Was es mit einer Generation macht, in einem sensiblen Alter mitzuerleben, wie Institutionen verschwinden, Eltern den Halt verlieren und Zukunft plötzlich ungewiss wird.
Zwischen Euphorie und Entwurzelung: Warum Freiheit und Verlust in ostdeutschen Biografien oft untrennbar nebeneinanderstehen.
Anpassung als Überlebensstrategie: Wie Sabine im Westen versuchte, nicht aufzufallen, ihre Herkunft klein hielt und sich eine neue Sprache, neue Codes und neue Selbstverständlichkeiten aneignete.
Der Osten als innere Landschaft: Warum Herkunft nicht einfach verschwindet, auch wenn man erfolgreich wird, weggeht oder sich ein neues Leben aufbaut.
Warum Eisenkinder ein Schlüsseltext wurde: Wie das Auffliegen des NSU der Auslöser war, um über die 90er Jahre, über Leere, Radikalisierung und die Verletzlichkeit einer Generation zu schreiben.
Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit: Warum junge Menschen in Umbruchzeiten besonders empfänglich für extreme Ideologien, klare Wahrheiten und starke Gruppen werden können.
Ostdeutschland jenseits von Klischees: Warum Sabine sich gegen einfache Zuschreibungen wehrt – und ostdeutsche Erfahrung für sie nur ein Teil von vielen ist, nicht die ganze Identität.
Literatur als Erkenntnisraum: Wie Schreiben helfen kann, biografische Brüche, familiäre Verletzungen und gesellschaftliche Verschiebungen besser zu verstehen.
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Mitarbeit:
Transkript anzeigen
00:00:04: Hallo hier bei Calling East, deinem Interview-Podcast
00:00:07: zu Frauen
00:00:08: und Karrieren in Ostdeutschland.
00:00:10: Ich bin Berek Großwendt, Markenexpertin und Agenturgründerin und ich habe mich
00:00:14: gefragt
00:00:15: wo sind sie denn?
00:00:16: All die anderen Businessfrauen – hier im regionalen Osten!
00:00:19: In der Öffentlichkeit sieht man nicht besonders viele und das will ich ändern mit einem besonderen Ort für mehr Sichtbarkeit und Support und einem Raum an dem Sie zusammenkommen und ihre ganz persönlichen Erfolgsgeschichten erzählen.
00:00:31: Lass dich inspirieren von Gründerinnen, Entscheiderinnen und Firmenliedern aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst und Medien.
00:00:39: Calling East – jede Folge mit einem spannenden Rollmodell!
00:00:47: Hallo und willkommen bei Calling East.
00:00:49: Heute bin ich in Berlin, und mir gegenüber sitzt Sabine Rennefans.
00:00:52: Ihre Texte sind für viele im Osten wie Spiegelbilder der eigenen Biografie.
00:00:56: Sabine ist mehrfach ausgezeichnete Journalistin, Bestsellerautorinnen von Büchern Wie Eisenkinder und Kusackenberg und einer der wichtigen Stimmen wenn es um die Seele Ostdeutschlands geht.
00:01:07: Schön dass du da bist, Sabine!
00:01:09: Hallo Bäre, dich freu mich das ich hier sein kann.
00:01:11: Ja, Sabina Die Seele aus Deutschland.
00:01:13: Auf jeden Fall berührst Du auch meine Seele mit Deinen Bücheren mit deinen Essays und deshalb dachte ich mir, dass wir für das Gespräch meine persönlichen Schnittmengen mit dir und deinen Themen als rotem Faden nutzen um dich als Expertin einer ganzen Generation vorzustellen zu porträtieren.
00:01:31: Und wenn wir über den Ostern sprechen da finde ich müssen wir ganz vorne beginnen!
00:01:37: Wir beide teilen ein Geburtsland was es nicht mehr gibt.
00:01:40: Wir beide haben einen Bruch in unserem Lebenslauf.
00:01:43: unser Leben teilt sich in einem davor danach.
00:01:46: Und du bist in Besco und Brandenburg aufgewachsen, ich in Jena in Thüringen.
00:01:51: und ich erinnere mich als die Wendezeit war für mich eher positiv und euphorisch besetzt.
00:01:56: und meine erste Frage ist wie war das bei dir Sabine?
00:02:00: Wie hast Du das in Erinnerung?
00:02:02: Ja
00:02:02: erstmal mal vielen Dank für die ganzen lieben charmanten Worte!
00:02:06: Ich weiß gar nicht ob ich das alles so erfüllen kann aber Ich meine, das ist halt die Frage was man jetzt als Wendezeit nimmt.
00:02:17: Das Jahr neunzehnt neunzig zum Beispiel also die Zeit zwischen dem Mauerfall und der Wiedervereinigung war zum Teil schon auch sehr euphorisch.
00:02:26: ich mein Ich bin damit aufgewachsen, dass die Mauer für immer steht.
00:02:31: Du wahrscheinlich auch oder zumindest sehr lange und man hat dann immer davon geträumt, dass man vielleicht als Rentnerin mal den Westen kann.
00:02:39: Und ich hab meine ganze Kindheit lang wirklich davon getäumt die Welt zu sehen.
00:02:43: Und zwar nicht nur Polen und Bulgarien und die Sowjetunion sondern die ganze Welt.
00:02:49: Auf einmal war das zumindest theoretisch möglich.
00:02:52: Dann bewegte sich halt auch politisch ganz viel und die alten Männer... wegzugehen und es schien, was Neues möglich zu sein.
00:03:01: Das war ja dann sehr schnell aber auch weg muss man sagen.
00:03:04: also wenn sich heute das Jahr in der Zeit so viel passiert ist wie in zehn Jahren Ja?
00:03:10: Und das ist dann in Eisenhüttenstadt wo ich damals gelebt habe und zur Schule gegangen bin und im Internat war.
00:03:16: Es war ein bisschen so eine Sondersituation.
00:03:18: Da ist die Stimmung dann sehr Schnell gekippt in Angst und Unsicherheit sehr, sehr viel verändert.
00:03:25: Lehrer sind verschwunden.
00:03:27: Es war unklar ob wir Abitur machen können oder ob das Abiturs anerkannt wird und mein Vater ist da in einem Jahrhundert auch gleich arbeitslos geworden.
00:03:34: ganz viele sind arbeitslose geworden.
00:03:36: dann standen westdeutsche plötzlich in irgendwelchen Gärten rum und haben die Häuser versucht irgendwie zu fotografieren weil sie irgendwie so rückübertragungsansprüche haben wollten.
00:03:44: also es gab plötzlich so eine existenzielle Unsicherheit im Prinzip auch.
00:03:48: Und deshalb ist das immer eine ganz duale Erfahrung und wird natürlich jetzt im Rückblick auch total überlagert, also die Euphorie wird total überlagert durch das was danach passiert ist nämlich diese wirklich brutale Transformationszeit.
00:04:03: Die ja für viele negativ behaftet
00:04:06: Ja, absolut.
00:04:07: Also natürlich gab es auch Möglichkeiten aber es gab eben auch unendliche Verletzungen und Demütigungen.
00:04:13: Und diese Deindustrialisierung die wir erlebt haben Diese Massenarbeitslosigkeit das ist wirklich einzigartig in der Geschichte also auch im Vergleich zu den anderen osteuropäischen Ländern.
00:04:21: Das gab es so nicht.
00:04:22: Es kannte ja jeder jemanden der arbeitslos geworden ist In der Familie also Mütter-Fäter Das waren ja Millionen Industriearbeitsplätze Die da abgebaut wurden und gerade in Eisenhüttenstadt Ganz stark durch das Stahlwerk ECO hat man das natürlich total gemerkt.
00:04:38: Also diese Unsicherheit, sechzehntausend Leute haben da gearbeitet und innerhalb weniger Jahre waren es nur noch dreitausend.
00:04:45: und das hat natürlich was mit der Stadt gemacht und wir saßen ja fest im Prinzip also ich war neunte dann zehnte Klasse Ja, vier Jahre bis zum Abitur bleiben.
00:04:56: Und man hat das dann einfach gemerkt, dass die Lehrer, die waren total orientierungslos und mit sich selbst beschäftigt und die Eltern auch... Neulich mal so gelesen in meinen Tagebüchern, weil ich einen neuen Buch schreibe wo die Zeit um die Zeit auch immer wieder geht.
00:05:13: Weil es in unserem Leben halt dann doch immer wieder um diese Zeit geht.
00:05:16: also wir durch leben die auch immer wie da neu finde ich.
00:05:19: Also und dann habe ich gelesen dass wir damit sehzehn oder siebzehn wirklich tuesday mittwocht donnerstag immer in so eine disco gegangen sind bis mitternacht ja mitsehzehnt Und ich weiß gar nicht ob meine Eltern das wussten im Internat und es war aber alles so egal, also da saßen wir wirklich jeden Abend.
00:05:37: Also ich kann mir nicht vorstellen dass sich das meinen Kindern erlauben oder in der Schulzeit so auszugehen und so und das kann man im Nachhinein sagen ist weiß ich ja auch Freiheit.
00:05:46: Also, wir konnten uns ausprobieren.
00:05:48: Aber ja ... Wir hingen da schon auch ganz schön in der Luft!
00:05:51: Ja die Eltern waren mit sich selber beschäftigt.
00:05:53: Die konnten uns nicht sagen was zu tun ist.
00:05:56: also ... Die konnten es uns nicht beraten... Die hatten
00:05:59: ihr selbst keine
00:06:00: Ahnung?
00:06:00: Genau!
00:06:02: Ich weiß noch dass ich mein Vater dann musste irgendwie Arbeitslosengeld beantragen.
00:06:08: Wie macht man das?
00:06:09: Ich bekam Barvög.
00:06:10: Wie funktionierend diese Anträge kannte man ja alles überhaupt nicht.
00:06:14: Diese ganzen Ämter und so.
00:06:16: Und dann weiß ich noch, da gab es irgendwie ein muss er neues Bankkonto eingerichtet werden.
00:06:20: Ich bin dann öfter mitgegangen und hab den geholfen.
00:06:23: Weil das wirklich so ... Ja alles neu war im Prinzip.
00:06:29: Man wollte den Eltern vielleicht auch nicht zur Last fallen.
00:06:32: Man hat gesehen wie die selber am Kämpfen waren.
00:06:36: Hat dann gedacht okay zumindest in meinem Fall müssen wir uns selbst durchschlagen?
00:06:42: Ich erinnere mich auch dass das einerseits natürlich So ein wahnsinniges Aufbruch, so eine Aufbruchsstimmung irgendwie herrschte.
00:06:48: Gleichzeitig war aber alles irgendwie anstrengend und ich habe... Bei dir in deinem Buch Eisenkinder gelesen, dass du gesagt hast man sieht uns das auch auf Fotos an wie anstrengend.
00:06:58: Das war und da habe ich direkt noch mal nachgeguckt in meinen Alben und dann dachte ich mir das stimmt dieser Bina hat recht auf diesen Fotos der ersten Jahre sozusagen bis ich sage jetzt mal ja nineteenhundert zwei neunzig drei neunzeig Ja Ich bin da immer sehr blass auch Und so kränklich Und so in der Rückschau, ich weiß, ich durfte dann Abitur machen.
00:07:20: Ich
00:07:20: durfte das erst nicht, weil immer nur eine bestimmte Anzahl von Schülern dazu auserwählt wurden und ich damals nicht.
00:07:28: Gleich nach der Wende habe ich die Chance ergriffen und hab mein Abi gemacht an einem Gymnasium, um die sich herausgebildet haben.
00:07:35: aber es war anstrengend!
00:07:36: Die Lehrer haben uns ja auch kein positives Gefühl mitgeben können, weil sie selber verloren waren.
00:07:41: Du beschreibst das ja auch mit deinem Staatsbürgerkundelehrer aus der Klasse gelaufen ist, nur um dann aber ein paar Wochen später wiederzukommen und dann Geschicht ins Unterrichten.
00:07:51: Und so ähnlich war das da auch.
00:07:53: Ja auf diesen Fotos... Jetzt, um nachhinein fühle ich mich überhaupt nicht wohl.
00:07:57: Also kann ich mich auch nicht sehen?
00:07:58: Ja
00:07:58: mir geht das auch total so!
00:08:00: Ich bin immer wieder von Neuen schockiert wenn ich dieses Bild sehe.
00:08:03: Das ist so ein Klassen.
00:08:04: es gibt auch von unserer Klasse irgendwie nur einen Foto dass ich habe aus dieser Zeit also eine neunzig oder so und wir sehen wirklich alle blass kränklich geschafft und ängstlich auch aus.
00:08:17: Mir hat auch eine Lehrerin erzählt eigentlich immer erst den Stoff, der war da zum Teil ja auch komplett neu und sich so den ein zwei Abende vor uns quasi so beigebracht hat.
00:08:29: Und denen dann am nächsten Tag sozusagen in der Klasse vorgetragen hat.
00:08:32: aber das war alles so total dünn und dürftig im Prinzip.
00:08:36: Ja
00:08:37: du beschreibst das so jahrelange Tross Zustände?
00:08:41: Also in deinem Buch Eisenkinder.
00:08:43: Genau!
00:08:45: Ich weiß nicht, ob wir da auch noch darauf kommen.
00:08:47: Aber das Buch ist ja im Jahr zeigend erschienen und da herrschte schon dieser Gedanke vor, dass die Mauer gefallen ist.
00:08:53: Alle lagen sich in den Armen und tanzen vor Freude über diese Freiheit herum.
00:08:58: Und ich wollte wirklich zeigen, dass diese Freiheit sich bei uns in Eisenhüttenstadt eher als so totale... Graue Orientierungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit darstellte.
00:09:11: Dass das eben mit der öffentlichen Erzählung nicht übereinstimmte?
00:09:16: Ich glaube in Jena war es ein bisschen anders.
00:09:18: Jena ist ja sowieso eine Stadt der Romantiker, der Dissidenten auch zu DDR-Zeiten viel alternative Menschen, kirchliche Menschen...
00:09:28: Unistatt natürlich!
00:09:30: Und nach der Wende kam eben Lothar Speth und hat die Stadt nach vorne gebracht.
00:09:35: also Es war dann recht schnell auch Boomtown, je nach Lichtstadt.
00:09:39: Also es strahlte irgendwie alles.
00:09:40: also das war dann aber so ein bisschen später erst.
00:09:43: Wir sprechen hier von diesen ersten zwei drei Jahren und dann ging's irgendwie... Zumindest in Jena Berg auf.
00:09:50: Man hatte ein positives, vorwärtsgewandtes Gefühl und Bild vor Augen und vielleicht auch irgendwie Zukunftsideen.
00:09:57: Und ich zumindest hab in Jina studiert.
00:09:59: Du bist nach dem Abi also Nachdem du in Eisenhüttenstadt dein Abitur gemacht
00:10:04: hast Genau Ich konnte dann doch Abi machen.
00:10:05: Ja
00:10:06: Genau Du bist so nach Berlin und hast studiert.
00:10:09: Und erzähl mal Sabine Warum bist du aus Eisenhüttestadt weg?
00:10:14: Also das jetzt auch da bleiben können?
00:10:16: ne
00:10:17: Aber ich wollte schon ja studieren und in Eisenundstadt gibt es jetzt keine Uni.
00:10:22: Und in Frankfurt oder, ich glaube die war damals erst im Aufbau aber das war gar keine Option für mich.
00:10:27: also für mich war klar Ich muss raus aus dem Osten raus, weil ich das Gefühl hatte, dass die Zukunft ist der Westen.
00:10:36: Und das ist wirklich ein Gefühl, dass man heute vielleicht gar nicht mehr so nachvollziehen kann.
00:10:40: Aber damals war es ganz stark so, dass ich wirklich dachte ja jetzt habe ich hier gelebt und jetzt will ich unbedingt in den Westen, ich will sehen wie's da läuft und ich wollte studieren, ich wollte in den Journalismus reinkommen.
00:10:55: Ich hatte irgendwie immer schon diesen riesigen Wunsch, Journalistinnen zu werden.
00:11:00: Ja, ich dachte im Osten hab' ich da keine Chancen.
00:11:03: Es war ja dann auch schon relativ klar dass die ganzen Regionalzeitungen, die waren ja von Westverlagen aufgekauft worden und die Zeitung für die ich gearbeitet habe, die merkische Oder-Zeitung auch.
00:11:11: und da kam dann immer so ein Verleger aus Stuttgart an der sagte dann komm sie doch mal nach Stuttgarter!
00:11:16: Lernen Sie richtigen Journalismus und so... Und da war's schon klar.
00:11:19: also richtiger Journalismus den gibt es nur am besten.
00:11:21: und dann war ich erst in Berlin gar nicht irgendwie.
00:11:25: Es war ja eigentlich diese Boomzeit, Techno und alles offen aber das war irgendwie nicht so für mich.
00:11:29: da habe ich mich selber vordert geführt und dann bin ich nach Hamburg genau und hab dann da Politikwissenschaften studiert.
00:11:36: Aber im Rückblick heute auch so eigentlich total verpeilt.
00:11:40: Ich wollte ja eigentlich mal Sprachen studieren, ich war auf einer Sprachschule, aber nach der Wende schien es dann ein bisschen sinnlos oder unsicher bin ich so richtig gewusst, was mache ich dann vor lauter Schreck?
00:11:53: Und meine Eltern haben nicht studiert oder beziehungsweise nur Quartz.
00:11:57: Die kannten sich jetzt auch nicht so aus und dann habe ich mir immer... Also ich erzähle es mal weil das fast schon so mittelalterlich klingt konnte man sich so... Es gab ja keine Websites und dann konnte man mich so Infomaterial per Postkarte schicken lassen von den Universitäten und dann war ich irgendwie im Berufsberatungszentrum und irgendwie bin ich dann auf Politikwissenschaften gekommen Weil ich dachte da lerne ich etwas über unterschiedliche politische Systeme dass ich gehofft habe, ja vielleicht lerne ich da was über das was mir jetzt wiederfahren ist.
00:12:25: Also ich glaube nicht, dass ich es so bewusst hätte formulieren können aber das war schon so ein Punkt.
00:12:30: Das eint uns auch und ich glaube... Hast du
00:12:33: das auch studiert?
00:12:34: Nein!
00:12:35: Ich meine dieses rausgehen, dieses weggehen wollen, dieses die Heimat verlassen und das aber im Unterbewusstsein.
00:12:43: also ich glaube ich hab das auch nicht so bewusst gemacht das war so ein logischer Prozess, so würde ich das zumindest im Nachhinein begreifen.
00:12:50: Und was ich sagen wollte ist ein und sie haben mit einer ganzen Frauengeneration auch die in den neunziger Jahren oder Anfang der zweitausender Jahre in mehreren Wellen auch in den Westen gegangen sind oder ins Ausland gegangen sind und ich glaube wir wollten erstmal eins und zwar raus, weit weg von der Heimat.
00:13:09: Und ich glaube viele so bekomme mich das auch in Gespräch mit meinen Podcastfrauen aber auch in der Ostfrauen-Community mit die dann sagen habe mich aber schon sehr oder meine Persönlichkeit sehr zurückgenommen.
00:13:23: Ich hab meine Heimat und meine Herkunft wie in einem alten ja, wie so ein altes Kleid im Kleiderschrank versteckt und wollte damit nichts mehr zu tun haben.
00:13:31: also das ist der Tenor, der heute auch noch vorherrscht.
00:13:34: Und wie war das bei dir Sabine?
00:13:36: Wolltest du auch ganz bewusst das so hinter dir lassen und hast du dich angepasst?
00:13:42: Hast du dein Dialekt abtrainiert, wie das ja ganz viele gemacht haben.
00:13:45: Hast du dich asemiliert?
00:13:47: Hast Du dich fast selbst verleugnet würde ich sagen
00:13:50: Ja, also das Interessante ist ja dass wir damals alle irgendwie wahrscheinlich dachten Wir treffen so individuelle Entscheidungen und wir waren aber irgendwie so Teil einer riesengroßen Gruppe von überwiegend zum großen Teil Frauen die dann weggegangen sind wie du sagst.
00:14:05: Und ich habe schon öfter darüber geschrieben Dass ich tatsächlich in den neunziger Jahren rauskommen wollte aus der Provinz Das provinzielle ablegen Also was Synonym war mit Ostdeutsch Aber auch so meine Herkunft aus dem Dorf, einfacher Familie usw.
00:14:21: Und dass ich da schon mich sehr angepasst habe um das positiv zu sagen und ich hab ja eine Zeit lang in den neunzigern gar nicht gesagt, dass ich ausm Osten komme.
00:14:30: Ich hab immer gesagt, Dass ich aus Bremen komme.
00:14:33: Also das war ein Hamburg-Sonding.
00:14:34: Wenn man das gesagt hat bei so neuen Bekanntschaften Dann hat der keiner nachgefragt weil es war irgendwie nichts so besonderes und ich hatte
00:14:41: einfach überlegt du kommst aus Breben Ja genau
00:14:44: Irgendwas harmloses wo man auch keinen Dialekt sprich, und musste schon noch Deutsch sein.
00:14:49: Weil jetzt so einen süddeutschen Dialekt hätte ich nicht drauf haben, wie bisher auch nicht so lernen
00:14:53: können.".
00:14:54: Und das mit dem Dialekt abtrainieren?
00:14:56: Ja, ich meine es haben so viele gemacht!
00:14:58: Das ist ja auch tatsächlich gar nichts So ungewöhnliches.
00:15:01: also das habe Ich bei so vielen Leuten inzwischen gelesen und Nicht nur nicht nur deutschen Also auch so Fiona Hill so eine die war mal Sicherheitsberaterin von Obama und dann später von Trump Die kommt aus nordengland und die isso in oxford total runter gemacht worden an der Uni, weil sie diesen harten nordenglischen Dialekt gesprochen hat und die hat sich das dann auch abtrainiert.
00:15:21: Also das ist schon was nicht nur deutschtypisches oder im ausdeutschen Verhältnis.
00:15:28: Das hat etwas mit Hierarchien- und Machtverhältnissen
00:15:32: zu tun.
00:15:32: So ein Schamgefühl sich da entwickelt.
00:15:34: Genau dass man irgendwie zu so einer, wenn man aus einer bestimmten Region kommt, dass man so zur Unterklasse gehört und benachteiligt ist genau das habe ich aber alles in Großer Anpassungsfreude mir abtrainiert, weil ich auch nicht... Ich wollte nicht auffallen.
00:15:52: Ich wollte gar nicht spezifisch Ostdeutsch sein!
00:15:54: Ich wollte eigentlich nur normal sein.
00:15:56: Das glaube ich auch.. Nicht ungewöhnlich in dem Alter ist er ja auch noch so mit... ...Ninzehntzwanzig ist man auch noch wahnsinnig jung und ich wollte irgendwie sowieso wie alle sein.
00:16:04: Ja, wie alles seien.
00:16:05: Zumindest haben wir dann beide eine Karriere im Journalismus gemacht und waren dann wie alle.
00:16:11: also ich zumindest habe mich dann so gefühlt bin aber hineingerutscht in einer als Mode Reporterin in eine krasse Luxuswelt die vorher so nicht kannte ja?
00:16:22: Und du bist bei der PETA im Jahreszeitenverlag dann angestellt gewesen und bist als Musikreporterin auch um die Welt geflogen.
00:16:30: Also wir haben beide im Grunde genommen sind die für uns völlig fremd war, mussten uns da freischwimmen und Normalität zeigen.
00:16:39: Also ich zumindest habe immer versucht zu verstecken dass ich überhaupt keine Ahnung hab von dem was ich da machte zumindest am Anfang.
00:16:46: Und wie ging es dir dabei Sabine?
00:16:48: Wie sehr musstest du dich vorstellen das du eben diese Normalität nach außen hin zeigst?
00:16:54: Ja ich denke über diese Zeit auch immer wieder Nach, also auch erst mal wie ich dahin geraten bin.
00:17:00: Das war ja nicht unbedingt mein Traum beim Jahreszeitenverlag bei einer Frauenzeitschrift der Volontariat zu machen.
00:17:06: Es war einfach eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
00:17:07: Also mein Studium war zu Ende und das Geld war weg.
00:17:10: Also das Barvög war zuende.
00:17:12: Meine Eltern hatten nichts.
00:17:13: Mein Oma hatte irgendwie auch nix mehr.
00:17:16: Und ich stand wirklich da.
00:17:17: Also es war im Mai.
00:17:18: Achtundneunzig.
00:17:20: Ich hatte eigentlich darauf spekuliert dass sich ein Volontariat bei der Hamburger Morgenpost bekommen wo ich als freie Mitarbeiterin gearbeitet habe.
00:17:26: Und das haben dann zwei andere Frauen bekommen und ich hatte einfach, ich brauchte einen wirklich dringenden Job.
00:17:32: Ich war ja auch bei dieser...ich war in so einer christlichen Gemeinde und bin dann da so halb rausgeflogen.
00:17:39: Ich stand quasi auf der Straße, also es ist wirklich schon ganz schön krass gewesen.
00:17:43: Und dann gab's halt eine Anzeige im Hamburger Abendbleib, Volontärin gesucht, Jahreszeiten verlagert und da bin ich dahin gegangen und hab nicht daran geglaubt dass ich das kriegen würde und war jetzt auch nicht so super erpicht darauf.
00:17:54: Ich meine die Petra, wenn man nicht im Journalismus ist, weiß man vielleicht nicht, es gibt schon so ne starke Unterscheidung zwischen so Magazinjournalismus und politischen und Tageszeitungsjournalismus.
00:18:06: Also ja in auch die Tages ... Journalisten, die schauen auch gerne auf die Magazin.
00:18:10: Journalisten herab völlig zu Unrecht würde ich sagen.
00:18:13: und ja also ich habe dann diesen diesen Job bekommen obwohl ich vorher der Chefredakteurin gesagt hab über die zwölf Wege zur kosmischen Orgasmen schreibe ich nicht weil ich war damals noch im.
00:18:24: Ich war schon auch noch sehr, sehr christlich und ich passte da überhaupt nicht hin aus verschiedensten Gründen.
00:18:30: Ja, ich hatte einen Abschluss in Politikwissenschaften und war sehr christlig Und dann saß ich aber plötzlich am Anfang ja auch das erste Jahr Das hast du netterweise so unterschlagen war ich an der Kosmetik redaktion Aber ich habe so selten.
00:18:43: also ich meine es war wirklich so eine nochmal so ne ganz extrem andere Welt.
00:18:47: Da waren dann diese ladies die von den kosmetikkonzernen in einer Weise Bepuschelt wurden wie dass Ich weiß nicht, ob das heute noch so ist.
00:18:55: Aber die wurden ständig von allen möglichen großen internationalen Firmen durch die Welt geflogen und um da den neuen Lippenstifte auszuprobieren.
00:19:04: Durfte ich als Volontäre nicht aber ich stand so mental eigentlich da immer mit offenen Mund ja und war eigentlich nur bemüht dass sich nicht aufgefallen wie krass das alles ist.
00:19:13: Und dann habe ich aber wahnsinnig viel gelernt weil es ist halt total schwierig zwölf verschiedene Lippenschriften ... originell zu beschreiben und so zu beschreiten, dass es witzig ist.
00:19:24: Dass das kurz ist.
00:19:25: Das ist eine total harte Schule... ...und da gab's eine Textchefin die war so knallhart ne?
00:19:30: Also wenn man da nicht origineell war, wenn sich Sachen wiederholten dann hat die einem das um die Ohren gehauen.
00:19:35: Und das war total interessant!
00:19:37: Und auch diese Hierarchie in diesem Magazin wie das so funktioniert worüber die Kolleginnen so redeten... ...das war einfach schon total interessant für mich so mitzukriegen.
00:19:48: Es war halt eine ganz ganz fremde welt.
00:19:50: noch mal und vor kurzem ist eine meiner kolleginnen gestorben kann es brutal leider ermordet worden von ihrem eigenen sohn alexandra.
00:19:59: fröhlich mit der habe ich zusammengearbeitet und von der hab ich unheimlich viel gelernt auch wie man sich da so durchsetzt und die war auch diejenige die mich aus der kosmetik rausgeholt hat und in dem die war die unterhaltungsleiterin und die wa.
00:20:11: toll die hat mich überall hingeschickt und hat mir vertraut und ich habe erst jetzt nach ihrem Tod erfahren, dass sie eben auch so eine deutsch-russische Geschichte hat.
00:20:20: Und die passte da eigentlich nicht richtig rein.
00:20:22: Die war eher ein bisschen direkter und mit Designer-Klamotten die ganze Zeit.
00:20:28: Wir haben uns super verstanden.
00:20:30: Ohne Sie hätte ich es gar nicht lange durchgehalten.
00:20:33: Das fand ich ganz interessant.
00:20:34: Aber wir haben uns nie darüber unterhalten, wo wir herkamen.
00:20:37: Das ist was, was ich gelernt habe gleich.
00:20:39: Dass man bloß nicht viel über sich redet, nicht über sich persönlich ... Gefühle, wenn man gefragt wird wie es einem geht dann geht es einem immer sehr gut.
00:20:48: Das ist schon so das erste Zeichen des Bundesbürgers.
00:20:51: Also diese Verhaltensweisen habe ich da glaube ich ganz gut gemacht.
00:20:56: Ja
00:20:56: und wir Ostfrauen sind ja eher so touchy würde ich jetzt mal sagen.
00:21:00: Wir erzählen immer
00:21:02: sehr schnell Privates und berühren uns auch.
00:21:05: also das ist mir so aufgefallen.
00:21:08: Jetzt noch einmal Ja, wenn man so einen Vergleich hat zumindest.
00:21:13: Also man kommt sehr schnell auf persönliche Geschichten erzählt auch was nicht so läuft oder so das ist für dich sagen es bestimmt also in unserer Altersgruppe.
00:21:23: ich würde dabei Ich seh ja schon dass es da bei den Jüngeren die viel länger in der Bundesrepublik geprägt worden sind Die sind schon anders drauf, aber so bei den Älteren kann ich man jetzt fast sagen.
00:21:39: Finde ich schon dieses sehr ausdeutsch-direkte... Merkt man schon.
00:21:44: Ja, ich war ja bei der Insta beim Border Verlag in München und wir waren eine Schnatter-Redaktion.
00:21:50: also da hat man schon auch persönliches ausgetauscht und gelacht und geweint miteinander.
00:21:55: aber das stimmt was du sagst ich hatte da auch meine Chefin war quasi meine Mentorin und ich habe da das Schreiben gelernt.
00:22:01: Also man durfte da auch nicht zum Mittagessen gehen bevor der Satz stimmte Bevor der Artikel stimmten Und es wurde dann durchgestrichen und da musste man's nochmal machen bis es dann saß und das war ne sehr gute Schule auf.
00:22:13: Und aber es war eben auch eine fremde Welt.
00:22:15: Dieses
00:22:16: Fliegen
00:22:16: um die Welt, dieses eingeladen werden ... In diesen tollen
00:22:20: Hotels über Nacht?
00:22:22: Tolle Menschen.
00:22:24: Ich hab eben ja ich durfte viele bekannte weltbekannte Fashion Designer einfach interviewn und dabei sein und das beobachten und mich in dieser Welt zurechtfinden War am Anfang sehr, sehr fremd.
00:22:37: Aber dann war das eigentlich wie als sei es meine Passion gewesen.
00:22:41: und im Rückblick eine sehr tolle Zeit wird ganz gerne, aber noch auf eine Situation zu sprechen kommen.
00:22:47: Auf einen Moment, den wir beide, wenn man das so sagen darf, denen wir auch wieder teilen ... Du warst dann als Korrespondentin für die Berliner Zeitung in London.
00:22:57: Zu einer Zeit, als ich voluntiert hatte und du beschreibst in einem Essay eine Situation.
00:23:04: Da warst du im Kino in London Und hast den Film Gut Berlinien gesehen und musstest weinen.
00:23:09: Ich hatte eine ähnliche Situation Poloklasse in München.
00:23:15: Und hatte gerade das Buch von Jana Hänsel Zonenkinder gelesen und hatte auch so eine emotionale Situation.
00:23:22: Unsere Abschlussmagazin hatte das Thema Jugend, und ich habe plötzlich begriffen nach dem Buch von Janer Hänsell dass niemand anders in meiner Klasse meine Jugenderinnerung teilt.
00:23:32: also niemand kennt die Zeitschrift BUMMI Niemand weiß wer die Gruppe Silly ist.
00:23:38: Niemand kennt den Geschmack von Brausepulver, was wir uns im Konsum gekauft
00:23:43: haben.
00:23:44: So mein Erlebnishorizont, den ich hatte.
00:23:46: Der war für meine Kolleginnen damals wie so ein fremder Planet und man kann es so sagen.
00:23:52: Ich habe einen kleinen Zusammenbruch gehabt.
00:23:53: also du hast geweint im Kino.
00:23:55: Ich hab so einen kleinen zusammenbruch an der Journalistenschule gehabt.
00:23:59: Sabine warum ging es uns da?
00:24:01: Warum sind wir in der Fremde so emotional eingeholt worden von unserer Vergangenheit?
00:24:08: Die Frage ist das eine Fremd oder hat das mit der Distanz, Distanz oder mit der zeitlichen Distanz zu tun.
00:24:16: Also wir müssen ja nochmal gucken, wann gut bei Lenin rauskam.
00:24:19: ich glaube es war so zwei tausend wie du sagst drei und das war ja das ist eigentlich kein besonderes toller Film aber es war einer der ersten wenn nicht sogar der erste wo schon also wo eben auch die DDR nicht so klamaukig so dargestellt wurde als bei Sonnenallee sondern wo es auch so ein Gefühl von Trauer und Verlust gab, also dargestellt in der Mutter Katrin von Kathrin Saas.
00:24:45: Und ich glaube das war schon was mich so sehr berührt hat.
00:24:49: ja es hat sich damit zu tun dass ich mich sehr angestrengt habe, dass ich diese Position bekommen habe, da irgendwie in London war total ne Fremde eigentlich wirklich so ein Bilderbuch Karriere-Schritte hingelegt habe, aber im Prinzip immer in dieser Anpassungsrolle.
00:25:06: Also ich hab nicht über den Osten geschrieben.
00:25:08: Ich hab dann nicht mehr gesagt dass ich aus Bremen komme.
00:25:10: also das war jetzt schon... Das hatte ich mir schon abgewöhnt!
00:25:13: Aber Berlin war ja super.
00:25:14: Aber sonst war das nicht so Thema und mich hat diese Darstellung der Verlusterfahrung glaube ich einfach sehr berührt Und das ist einfach bis heute was geblieben?
00:25:28: ... diese doppelte Erfahrung, dieses Aufwachsen in der DDR und dann da Bruch.
00:25:35: Und ein komplett neues System alles anders... ...und damit umzugehen.
00:25:41: Das ist jetzt schon auch so mein Lebensthema.
00:25:44: also das ist ähm und da fing es... Also gut bei Leonid hat es irgendwie rausgekitzelt.
00:25:48: Ich habe mir den Film glaube ich sogar zweimal angeguckt weil mich das so berührt hat.
00:25:52: Ich glaube schon die Darstellung von Kathrin Sass, weil die kannte ich natürlich auch als DDR Schauspielerin Meine Mutter fand immer ganz toll Gerade in dieser, ja also so ihre Rolle fand ich irgendwie besonders stark.
00:26:05: Ja diese Verlusterfahrung das die überwogt ist ja schon dann doch auch eigenartig weil man hätte ja auch einen Glück empfinden können.
00:26:13: Also ein Glück dass man zwei Systeme ja in der Biografie hat und Übermäßig glücklich sein, dass man es ja wie du gesagt hast eine Karriereweg hingelegt hat.
00:26:24: Dass man Schritte gehen konnte, Möglichkeiten hatte.
00:26:27: also das dieser Verlust überwog vor dem Glück.
00:26:31: Das eint viele Jahr unserer Generationen und das ist auch so merkwürdig, dass Man das nicht als überschwängliche Glücksaktion irgendwie für sich fassen konnte.
00:26:43: Ja,
00:26:43: es ist vielleicht auch ein bisschen... man will ja nicht so wie so ein bisschen einfältig.
00:26:47: Die Leute die immer sagen, sie sind so glücklich und alles das war so toll und so viel Freiheit.
00:26:53: Das ist eine ganz oberflächliche Ebene natürlich weil niemand diesen Staat zurück haben.
00:26:59: also ich glaube selbst die Leute die jetzt irgendwie ihre DDR-Liebe entdeckt haben und sich irgendwie was weiß ich?
00:27:06: DDR fahren irgendwohin hängen selbst die wenn die tatsächlich wieder in der DDR wären in so einer Zeitreisekapsel oder so, die werden ganz schön geschockt wie schlimm das war.
00:27:16: Wie arm das war?
00:27:17: Wie einschränken?
00:27:18: Wie spionieren DDR?
00:27:20: Aber ich glaube es hat was mit unserer speziellen Sozialisation zu tun dieser Jahrgänge dieses also während den Achtziger Jahren aufgewachsen ist der hatte mit der DDR schon überhaupt nichts mehr am Hut und für sie... DDR, überhaupt keine Leidenschaft oder so.
00:27:34: Man war da halt zwangsläufig und hat da zwangsläufig alles Mögliche mitgemacht und auch gesehen und ist einerseits in der glücklichen Situation gewesen schlimme schwierige Entscheidungen nicht treffen zu müssen.
00:27:46: wie geht man mit der Partei um?
00:27:49: was macht man wenn plötzlich ein Stasi Mensch vor einem steht?
00:27:52: das hatten wir alles nicht aber wir hatten eben auch diesen.
00:27:55: also Man hatte dann eben auch diesen extremen Niedergang von vielen Institutionen und Orten, die halt doch Halt gegeben haben.
00:28:04: Und dieses Ankommen in der neuen Welt hat eben wahnsinnig viel Kraft gekostet.
00:28:09: Dieses Verleugnen sich in eine neue Gesellschaft einfädeln, das kostet Kraft!
00:28:16: Ich habe gesagt, du warst in London als Korrespondentin und hattest ja auch englische Kollegen und Kolleginnen.
00:28:22: Wie haben die auf dich reagiert?
00:28:24: Als sie gehört haben dass du eben eine andere Biografie mitbringst.
00:28:29: Also ich hab das da glaube ich auch erstmal nicht so... raushängen lassen, weil ich da auch erst mal damit zu tun hatte, da irgendwie anzukommen.
00:28:37: Und ich war da siebenundzwanzig und alle ... Ich war da die wirklich eine der jüngsten Korrespondentinnen und dann musste man sich irgendwie erstmal einfädeln und Leute kennenlernen.
00:28:47: Ich musste auch erst einmal, sage ich ganz ehrlich, man hatte schon auch Schwierigkeiten mit der Sprache erst Mal.
00:28:53: Mein Englisch war gut aber sich dann in dieser Welt auch so zu behaupten und so ein geschäftsmäßiges Englisch zu sprechen, dass man dann auch irgendwie... Ich bin ja zur Pressekonferenz in Downing Street gegangen.
00:29:04: Und das man sich dann auch traut eine Frage zu stellen, dass am Telefon weiß wie die Etikette da sind wenn man dann plötzlich Alistair Campbell den damaligen Sprecher von Tony Blair an der Strippe hat.
00:29:14: Boah!
00:29:14: Das war schon ganz schön... Also es war hart.
00:29:19: Damit war ich sehr beschäftigt.
00:29:22: Ich war dann zum Glück irgendwann in so einem englischen Büro mit lauter englischem Kollegen und davon habe ich wahnsinnig viel gelernt, aber das stand dann erst mal im Vordergrund und dann mit der Zeit war es schon so dass die einfach sehr viele unbefangene Fragen gestellt haben.
00:29:35: ... über mein Leben, meine Familie und meine Erfahrung reden zu können.
00:29:42: Und ich da eigentlich immer ein viel größeres Interesse... ...und auch Ähnlichkeiten gesehen habe.
00:29:47: Es gibt ja in England so einen Nord-Süd-Konflikte.
00:29:50: Ja, Gefälle ja!
00:29:51: Die sehr stark sind und es gab ja eine große Begeisterung auch für Sozialismus muss man sagen.
00:29:59: Jetzt nicht unbedingt für den Kommunismus aber für den Sozialismus also die Regierung nach dem Zweiten.
00:30:05: Weltkrieg.
00:30:06: Wir haben hier im Prinzip Also dieses kostenlose Gesundheitssystem, das waren ja im Prinzip sozialistische Errungenschaften in einer Demokratie.
00:30:13: Aber es gab eben schon auch großes Interesse wie die DDR funktioniert hat und wie sie in Ostdeutschland damals aussah.
00:30:22: Und das hat mich ein bisschen freier gemacht und das hat mir auch geholfen dass ich so dann selbstbewusster auftreten konnte.
00:30:28: aber ich war da auch der deutschen Botschaft.
00:30:30: Da war man immer irgendwie die einzige Ostdeutche und irgendwann bekannt, dass sie auch aus dem Osten ist.
00:30:39: Und die war auch so ein U-Boot, ja?
00:30:41: Die war auch ganz nach der Wende gleich zur Bildredaktion gegangen und hatte sich da irgendwie hochgekämpft und hat dann an der deutschen Botschaft gearbeitet.
00:30:50: Wir haben uns dann irgendwie oft zu gezwinkert, ne?
00:30:52: Die kamen aus Quedlinburg.
00:30:53: Habt euch verbündet!
00:30:54: Genau wir haben uns verbündelt,
00:30:56: ja.
00:30:57: Also hattest du das Glück, dass du weniger mit Ressentiments zu tun hast... Total!
00:31:03: Lass uns an der Stelle noch mal ganz konkret zu deinem Buch Eisenkinder kommen Sabine.
00:31:07: Du verbindest damit die Geschichte des NSU, also dieser nationalsozialistischen Terrorzelle, die sich ausgerechnet in meiner Heimatstadt Jena gegründet hat und von hier aus ja auch operierte mit deiner eigenen Entflickung in den neunzigern Jahren und du leitest daraus die stille Wut der Nachwändekinder ab.
00:31:26: Wie kam es dazu Sabine?
00:31:28: Und welche Fragen stellst du dir konkret im Buch?
00:31:32: Ja, ist der ungewöhnliche Ansatz sich mit so Mördern zu kontrastieren.
00:31:37: Aber für mich war das total schockierend als es aufgeflogen ist.
00:31:42: Es hatte eine lange Vorgeschichte.
00:31:44: Da wurden türkische Menschen vorher... Verdächtig, dass sie also türkische Mafia.
00:31:50: alles Mögliche wurde bedacht nur halt nicht deutsche Neonazis.
00:31:54: So und das es dann auch noch so Leute waren die in meiner Generation waren.
00:31:59: Das hat mich irgendwie total geflasht und angesprochen Und ich habe mich daran erinnert wie diese neunziger Jahre waren.
00:32:05: Es war halt wirklich das allererste Mal Dass sich auch so darüber dann schreiben konnte weil ich das Gefühl hatte Ich musste darüber schreiben Wie krass diese Stimmung da in den neunzigern Jahren war immer gemacht worden.
00:32:17: Aber im Jahr zwei Tausend zwölf, war das kein Thema.
00:32:21: Es wurde immer gesagt Ost und West ist kein Thema mehr es gibt keine Unterschiede.
00:32:25: Das war wirklich eine andere Stimmung und ich hatte immer so ein kleine so eine Stimme in mir die sagt Nein das stimmt doch gar nicht!
00:32:31: Das waren völlig anderes Land.
00:32:33: also Ost und west waren in den neunziger Jahren aber völlig andere Lebensrealitäten Und wie ich eben auch damals wirklich ja sehr gesucht habe unsicher war haltlos war und eben dann auch so in so einer ja radikalere christliche Gruppe, manche sagen Sekt geraten bin und eben auch so gedacht habe naja wenn ich irgendwie irgendwelche coolen rechten rechtsradikalen getroffen hätte oder islamisten wer weiß womöglich wäre ich da gelandet Und das quasi nochmal so nachgehe und mich frage, ja wie sind wir geworden?
00:33:04: Wie wir sind.
00:33:05: Das ist eigentlich die Frage und was macht das mit einem wenn man gerade in diesem sensiblen Alter, vierzehn-fünfzehnt völlig in der Luft hängt und nicht weiß, wie es weitergeht keine positiven Rollenmodelle hat niemand richtig hat an dem man sich reiben kann und sowas macht?
00:33:21: dass mit einem.
00:33:22: Das hat mich interessiert.
00:33:24: Ja wer jetzt nicht in ihrem Alter war und selber miterlebt hat und er vielleicht zuhört, da stellt sich schon die Fragen Was war da anders?
00:33:31: Was war das so besonders, warum ist man so anfällig gewesen für ganz extreme Rechts oder Links und in deinem Fall ja sogar nach oben sich orientierte.
00:33:41: Also Gott zugewandt!
00:33:42: Und die drei dieser Zelle haben sich eben sehr stark nach rechts orientiert weil... Das schreibst du auch in dein Buch Weil der Westen Deutschlands war eben zu der Zeit sehr links also und sich dann abzunabeln auch von diesen sozialistisch linken Gedanken.
00:33:56: Oder wenn ich das so richtig verstanden habe
00:33:59: Es war in der DDR und auch noch in der Wendezeit eine der größten Provokationen, jetzt einen Hakenkreuz irgendwohin zu machen.
00:34:05: Also in der DDR sowieso weil es war natürlich ein staatlich verordneter Antifaschismus.
00:34:10: War wirklich ne super Provokations.
00:34:12: Natürlich gab's aber trotzdem auch in der ddr Rechtsextreme das ist ja inzwischen auch ganz gut belegt.
00:34:17: und dann in den Neunzigern ich weiß gar nicht ob das so eine linke Stimmung war da gab es ja eigentlich eine sehr harte Stimmung gegen Asylbewerber, gegen Kriegsflüchtlinge.
00:34:28: Es gab irgendwie ... es war eigentlich so, ja.
00:34:30: Es gab diese riesen Debatte um den sogenannten Asylkompromiss und es gab Jagden, es gab die brennenden Ausländerheime in Rostock-Lichtenhagen, in Heuerswerda.
00:34:42: auch in Hüttenstadt gab's einen Asylbewerberheim wo es Angriffe dann gab und eine extrem harte Stimmung.
00:34:50: und auch damit wollte ich mich zwölf da nochmal beschäftigen weil das viele schon wieder vergessen hatten wie aufgeputscht die Stimmung damals war und dass sich die jungen Rechtsradikalen damals schon als Dieningen fühlen konnten, die so einen gefüllten Volkswillen in Anführungszeichen quasi umsetzen.
00:35:08: Also es gab schon damals eine sehr aufgeheizte Stimmung.
00:35:13: Die Sehnsucht nach dem Extrem war sozusagen die Antwort auf diese Halt- und Hilflosigkeit in der Zeit.
00:35:20: So eine Sehmsucht auch nach Stärke, Nach Zugehörigkeit sich nicht so schwach zu fühlen wie die Eltern, die sich hinter der Gardine verstecken sondern stark zu sein und Freunde zu haben dazu zu gehören vielleicht auch ein Gefühl zu haben.
00:35:35: ich weiß jetzt wie es geht Ich habe die Wahrheit verstanden.
00:35:38: Das ist ja alles so, was diese Ideologien über die wir sprechen sind ja alle vom Ziel her sehr unterschiedlich aber von den Strukturen her sehr ähnlich.
00:35:48: also das ist immer um stärke Zugehörigkeit und
00:35:52: Führer
00:35:52: und so einfachen Wahrheiten auch geht.
00:35:54: Also es war damals so dass es heute auch so.
00:35:58: Ja offensichtlich spielt jetzt auch gar keine Rolle wo man aufgewachsen ist.
00:36:01: Wir haben's ja schon vorhin gesagt ich in Jena aufgewachsend du in Brandenburg Und in Jena bildete sich die NSU-Zelle, obwohl jener ja wie gesagt eine weltoffene Universitätsstadt war.
00:36:14: Davon profitierten natürlich jetzt die drei aus dem NSU.
00:36:18: Das bedeutete glaube ich nicht so richtig viel für die, ob das ne weltoffenne Universität statt war.
00:36:24: Die waren da auch mit allen möglichen Problemen konfrontiert und es gab eben dieses Prinzip der sogenannten akzeptierenden Jugendarbeit damals.
00:36:37: den Jugendlichen auch so irgendwie ganz viel Raum gegeben hat und die halt machen lassen.
00:36:42: Und wenn sie sich halt die Schädel rasiert haben, dann plötzlich mit Bomberstiefeln ankommen ja, dann haben die sich halt ausgedrückt.
00:36:48: also man war da auch... Das war so ein bisschen der Zeitgeist, kann man sich heute kaum noch vorstellen.
00:36:53: Aber war da auch vielleicht ein bisschen naiv und ich weiß auch, ich hab mit einer Lehrerin im Nachhinein eine Interview geführt.
00:36:59: die wussten dann gar nicht zum Teil was das bedeutet, was sie anhaben, sagen, Jugendlichen und haben vieles darunter subsumiert.
00:37:09: Die sind zu politisch geworden ist doch gut wenn sie politisch worden sind oder die sind aufmüpfig, wollen jetzt halt mal ein bisschen randalieren.
00:37:15: wir haben ja jetzt Meinungsfreiheit.
00:37:17: also es gab wirklich ne große Sicherheit, wie man damit umgehen soll.
00:37:21: Da war jetzt nicht so das Gefühl ja hier jetzt liberale Demokratie und das sind aber die Grenzen.
00:37:28: Das habe ich jetzt nicht So erlebt.
00:37:29: also Ich erinnere mich dass das was völlig normales war Dass die Glatzen klatschen das war so eine Freizeitbeschäftigung.
00:37:37: Genau.
00:37:37: dann gab es auf der anderen Seite Die Link Die Dann Also auch Antifa Mäßig Unterwegs Waren Und Man ordnete sich da entweder Ein oder auch nicht.
00:37:50: Ja, so Leute die sich nicht einordneten gab es nicht aber ich weiß noch so auf meinen Fotos, wenn ich die so angucke.
00:37:56: also meine Klassenkameranen waren dann eher... Das waren halt dann so die Gruftis oder die da so die Linken auch waren.
00:38:05: Ich selbst war jetzt eher glaube ich in dem Alter total unpolitisch und hatte irgendwie andere Fragen so im Kopf.
00:38:12: Aber es gab zumindest diese Dualität.
00:38:15: Ich frag mich manchmal, ob es das jetzt heute noch so in den kleinen Orten gibt?
00:38:19: Das weiß ich nicht.
00:38:20: Mein Eindruck ist, dass es heute eine ganz andere Dominanz von rechten Themen gibt und dass es nicht diese Schläger-Trupps wie damals sehe ich jetzt nicht so.
00:38:33: aber es ist halt heute viel mehr Mainstream.
00:38:37: Und jetzt kommt ja in diesem Jahr eine Neuauflage von Eisenkinder heraus Sabine.
00:38:41: Was war der Anlass, dass du gesagt hast ich musste jetzt noch mal zumindest schreibst du ja ein Vorwort neu, musst du das nochmal neu auflegen?
00:38:48: Musst es nochmal neu bewerten und einordnen.
00:38:50: was ist in den letzten Jahren passiert deiner Meinung nach, dass Du gesagt hast das jetzt nötig?
00:38:56: Also das Buch kommt im August beim Esfischer Verlag raus eine überarbeitete Auflage.
00:39:02: Also ich bearbeitete das Manuskript auch.
00:39:04: und in der Tat ein neues Vorwort, was ist nochmal so in die... in die Gegenwart holt.
00:39:10: Und mich hat halt, ja ich wollte in diesem Ost-Diskurs der heute jetzt ganz anders noch mal da ist als Jahr zwölf, zwei Tausend Dreizehn, wollte ich wirklich nochmal in diese Wendezeit und in diesen Schmerzen der Transformationen eingehen und mich damit beschäftigen.
00:39:27: weil es ist schon ganz interessant wenn man sich anguckt wie die Stimmung heute ist zwischen Ost-West oder wie die Wahlergebnisse auch sind
00:39:35: bzw.,
00:39:36: die politische Stimmung.
00:39:38: diese Generation, die halt so vierzehn-fünftzehn zur Wendezeit war auch jetzt besonders unzufrieden ist mit dem aktuellen System.
00:39:45: Und ich wollte diese Geschichte noch mal erzählen von dieser jungen Frau, diesem jungen Mädchen das in dieser Orientierungslosigkeit aufwächst weil ich natürlich schon auch so parallel zu damals und heute sehe.
00:39:58: Das ist jetzt kein Land zusammengebrochen es war schon extrem wie das Ende der DDR aber wir sind ja jetzt wieder an so einer... doch sehr ungewöhnlichen Krisenzeit.
00:40:08: Wo ich mich manchmal, also manchmal denke ich so mache es eigentlich jetzt mit meinen Kindern besser als meine Eltern oder bin ich nicht eigentlich genauso hilflos wie meine Eltern damals nur halt bei anderen Themen?
00:40:20: Also das ist halt das Digitale und der ganze Umgang damit.
00:40:24: digitalisierung KI was kann man in den Kindern einfach noch raten?
00:40:28: die neue Orientierung der Welt Die Weltlage ist irgendwie komplett auf dem Kopf.
00:40:32: ja also so die USA was ja mal so ein Traumland war, so ein Vorbild.
00:40:39: Ist weggebrochen?
00:40:40: Ist weg gebrochen!
00:40:42: Da
00:40:42: gibt es irgendwie jetzt einen autoritären Herrscher und offenbar auch gar keine Gegenwehr mehr.
00:40:47: Das ist schon alles extrem verunsichern finde ich.
00:40:51: also wir leben in einer komplett verunsichernden Zeit, weil ich weiß überhaupt nicht... Ich glaube Deutschland wird sich in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren so massiv ändern auf so ganz vielen Ebenen, weil unser Wohlstandsmodell nicht mehr funktioniert.
00:41:05: Weil die Bevölkerungszusammensetzung sich komplett verändert, weil wir eine alten Republik werden und es ist alles so dramatisch das es mich sehr an den neunziger Jahre erinnert und dass ich mich fast... Dass ich jetzt fast größeres Verständnis für meine Eltern habe.
00:41:21: als damals.
00:41:22: Und ich versuche, das in dem Vorwahrt so ein bisschen in die Gegenwart zu ziehen.
00:41:25: aber es ist im Prinzip einfach ja eine Coming-of-Age Geschichte einer jungen Ostdeutschen, die sehr lost war.
00:41:33: und hast du da jetzt nochmal?
00:41:34: also du hast ja Antworten gesucht und auch gefunden wahrscheinlich auf diese Zeit, auf die Debatten, auf den Krisen die wir jetzt haben.
00:41:42: formulierst du das auch oder lässt du das so ein bißchen offen?
00:41:46: Ich schreibe eine Fortsetzung auch von Eisenkinder, die
00:41:48: ja im
00:41:49: Jahr twenty-sevenundzwanzig raus kommt.
00:41:51: Also ich bin da quasi noch mittendrin.
00:41:53: so also weil Eisenkindern endet im Jahr zwei tausend eins mit damit dass sich bei der berliner Zeitung anfangen und es ist eigentlich alles super.
00:42:01: das ende ist wirklich Ja, Ost und West spielen keine Rolle mehr.
00:42:06: Ich habe irgendwie gekämpft, ich hab irgendwie gesucht ... Und die Heldin hat dann jetzt ihren Platz gefunden am Alexanderplatz bei der Berliner Zeitung.
00:42:14: Sie ist zu zweit.
00:42:15: Dann beginnt das neue Buch.
00:42:17: da bin ich quasi fünfzig und erzähle was seitdem passiert ist beziehungsweise was aus diesen Hoffnungen geworden ist und wie es mit Ost- und West weitergegangen ist.
00:42:27: Da bin ich noch nicht fertig.
00:42:28: Kann ich jetzt noch nicht so wahnsinnig viel drauf sagen?
00:42:31: Und du stehst ja nicht nur da am Alexanderplatz, sondern du sitzt in Talkshows und du sitzt auf Bühnen.
00:42:36: Du schreibst für verschiedene Verlage... über den Osten.
00:42:40: Du bist quasi die Stimme des Ostens, wenn man das so sagen darf, Sampine?
00:42:44: Na ja!
00:42:46: Da gibt's vielleicht andere, die sich da besser eignen... Ich weiß auch gar nicht ob es jetzt
00:42:50: so
00:42:50: wünschenswert ist nur eine Stimme zu geben.
00:42:52: also es gibt ja viele Stimmen.
00:42:53: Ja, es gibt viele Stimme aber du bist eine davon und du füllst sie auch aus als Erklärerin Wenn es um Perspektiven geht Und hast du manchmal das Gefühl weil du machst das ja auch schon eine ganze Weile dass es irgendwie reicht Ja, so ein eingeladen zu werden als die Stimme des Ostens und nach so vielen Jahren immer noch da dazusitzen um den Osten erklären zu müssen.
00:43:18: Also ich such mir das ja nicht aus dass ich den Oßen erkläre und ehrlich gesagt ist es eine Rolle in die ich quasi so reingerutscht bin.
00:43:26: Ich denke auch gar nicht so darüber nach, als jetzt quasi den Osten zu erklären.
00:43:31: Das hat halt was mit unserer medialen Struktur zu tun.
00:43:34: Mir tut auch immer der Arme Lukas Rieschel leid, der ist ein dreißig Jahre alt also nach der Wende geboren und er hat jetzt einen neuen Roman raus und er wird überall als die große Stimme Ostdeutschlands, der große literarische Erzähler Ostdeutzschlands überall beworben.
00:43:50: Und das ist dann schon, dass man da nicht rauskommt und dass man immer irgendwie so eine Sonderrolle hat.
00:43:55: Das hat dann auch etwas vom Zoo und ich versuche mich... Also die Podien, die ich habe und die Sprechgelegenheiten, die Ich habe zu nutzen meine Erfahrungen einzubringen.
00:44:06: Meine Perspektive einzubringen.
00:44:07: aber ich gehöre nicht zu jenen Die Ostdeutschland, die das so eigentlich so oft im Ostdeutzland gewandt rumlaufen Und dass sie quasi als Hauptteil ihrer Identität sehen weil Das ist für mich eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung von was Mensch.
00:44:24: Also das ist ja nur ein Teil von mir, dass ich diese ostdeutsche Erfahrung habe und in manchen Fragen vielleicht einen anderen Blick.
00:44:31: Aber ich habe ja in den letzten thirty-fünf Jahren auch ganz andere Erfahrungen gemacht, die jetzt nichts mit der DDR zu tun haben.
00:44:38: Und deshalb ist es für mich ein Teil einer von vielen wirklichen.
00:44:44: Ich glaube eigentlich, dass diese Ostwestunterschiede durch diese großen Konflikte, die wir gerade haben eigentlich sehr stark überlagert werden und dass dieses Aufbäumen – vielleicht kommen wir dazu jetzt auch noch darauf – dass dieses aufbäum-und sehr viel reden über Ostwest.
00:45:01: Dass das ein Zeichen dafür ist, dass es nicht mehr so eine Rolle spielt weil als die Konflikte größer waren und die Unterschiede da hatten wir gar nicht die Sprache, da haben wir viel weniger darüber geredet.
00:45:11: also ich denke jetzt nicht Darüber nach, was könnte ich so über den Osten schreiben?
00:45:17: Also mich interessieren existenzielle Fragen.
00:45:20: Wie können wir in einer alternden Gesellschaft gut und würdevoll leben?
00:45:25: Und das ist dann aber natürlich doch wieder ein Ostthema weil eben diese demografische Wandel im Osten besonders hart durchschlägt.
00:45:34: Ich versuche eher auf den Oston zu gucken um eine eigene Erfahrung zu sehen und daraus aber eher über größere Fragen nachzudenken.
00:45:42: Du, jetzt sind wir schon fast am Ende unseres Gesprächs angelangt und lass uns also von den größeren Fragen des Lebens zu den dreischnellen Fragen kommen die du hoffentlich beantworten kannst Sabine.
00:45:54: Die erste Frage ist die nach einem Rollmodel gibt es im deinem Leben eine Frau die du bewunderst der ein Lebenslauf du ganz spannend findest.
00:46:03: Es kann auch nur Ostfrau sein.
00:46:05: Also ich bewundere viele Frauen und auch Männer Und Ich habe in der letzten Zeit Alles, und ich meine wirklich alles von Barbara Honigmann gelesen.
00:46:14: Eine völlig unterschätzte oder finde ich unterbelichtete Autorin eine Frau die aus einer ganz spannenden Familiengeschichte, kommunistische Familie, sie ist nirgendsachzig ausgereist nach Strasbourg nach Frankreich Und sie schreibt eben über dieses panziste Jahrhundert, über dieses putale... zur krasse ideologische gewaltvolle Jahrhundert.
00:46:34: Und das finde ich ganz, ganz toll.
00:46:36: und wie sie das macht in ihrer so einer großen Warmerherzigkeit und Klarheit.
00:46:41: Das find ich ganz toll.
00:46:43: also dass ist sowas was mich ja das berührt mich sehr.
00:46:46: ansonsten ja gibt es irgendwie weiß ich gar nicht wenn ich sonst noch nenne Ich war mit Cousackenberg viel unterwegs und viel in kleineren Städten aus deutschen kleinen Städtern.
00:46:59: Die Lesungen waren immer organisiert von Frauen und es schien mir auch sonst so, dass die Frauen immer ganz viel in diesen kleinen Orten auf die Beine stellen.
00:47:06: Und das finde ich ganz toll und ganz inspirierend.
00:47:08: Und ja... Das ist so... Also eigentlich inspirieren mich eher kleine Sachen.
00:47:15: So jeden Tag aufstehen, weitermachen nicht die Hoffnung verlieren.
00:47:21: Dann die zweite Frage, Sabine ist die nach deinem Happy Place.
00:47:24: Wo im Osten?
00:47:25: Weil es ist ja ein Podcast über Frauen in Ostdeutschland.
00:47:28: Tankst du Kraft wenn dir mal was zu vieles oder wenn einfach auch Ferien sind da ich nehme mal an Eisenhüttenstadt das ist vielleicht weniger um abzuschalten.
00:47:37: also wo is dein Ort wo du Kraft kannst?
00:47:40: Also am Meer auf jeden Fall.
00:47:42: ich hab die Die Theorie, dass ich eigentlich irgendwie am Meer geboren bin oder irgendwie in meinem früheren Leben am Meer gewohnt habe.
00:47:51: Keine Ahnung, nein, das ist ein Witz!
00:47:53: Aber also ich liebe das Meer und wann immer ich am Meer sein kann, bin ich am Mehr Und das ist wirklich das Auf- und Ab.
00:48:00: Gerade so auch Also die Familie meines Mannes.
00:48:02: es lebt im Atlantik und gerade so ist auf und ab der Zeit aber die Ostsee ist auch super mag Ich auch sehr gerne Das Meer.
00:48:09: Das Meer, das ist schön!
00:48:11: Das liebe ich auch.
00:48:13: So und jetzt die dritte und abschließende Fragen.
00:48:15: und dann haben wir es auch schon geschafft Sabine.
00:48:17: Ist dein Power Spruch?
00:48:19: Welcher Satz treibt dich an wenn du das Gefühl hast jetzt mal so wieder gegen Windmühlen zu schreiben oder wenn du mal Klartext sprechen musst?
00:48:29: Ich weiß nicht, ich tue mich wirklich damit schwer welcher Satze mich antreibt... Ich glaube nicht.
00:48:35: so einen Satz, den man immer verwendet habe.
00:48:38: ich glaube ich nicht.
00:48:39: Es gibt ein paar Autoren zu denen ich zurückkehre.
00:48:43: Das heisst nicht so.
00:48:44: WG Sebald zum Beispiel ist für mich auch ganz wichtig die ich dann lese also vor allen Dingen Menschen Ja, oder Montagne.
00:48:53: Die Essays... Also Menschen die schon länger tot sind.
00:48:57: Heiner Müller hat mal gesagt, wenn man nicht mehr weiter weiß, ich paraphrasiere dann muss man sich mit den Toten verbinden.
00:49:02: also das ist was mir sehr hilft und vielleicht auch oft ist es ja so Ich weiß nicht ob's denen höherinnen und höheren auch so geht aber Man ist ja irgendwie unter diesem ständigen Informationsfluss oft so total überfordert Was du alles auf einen einströmt Und manchmal weiss man gar nicht wo oben und unten.
00:49:20: Und da finde ich, das ist immer ganz gut wenn man so sich zurückzieht und sich fragt was eigentlich los.
00:49:27: Das ist jetzt kein Wunderspruch ja?
00:49:29: Aber was ist eigentlich los, wenn man dann in sich reinhört und versucht irgendwie bei sich zu sein... Oh Gott!
00:49:36: Ich klingle fast schon esoterisch, aber sich so zu fragen, was ist jetzt eigentlich los?
00:49:41: Also einen Schritt zurückzugehen und einfach mal eine Traufsicht
00:49:44: zu haben oder alles.
00:49:45: Genau, um in sich zu hören.
00:49:47: Genau.
00:49:47: Das ist jetzt wirklich wichtig!
00:49:49: Also vielen Dank Sabine, dass du uns auch diese Traufsicht jetzt in unserem Gespräch ermöglicht hast.
00:49:55: Danke für deine Offenheit und für deine Gedanken.
00:49:58: Und ich freue mich natürlich schon auf dein neues Buch.
00:50:00: Was hat du so gesagt?
00:50:01: Wann kommt es raus?
00:50:02: Es sind ja
00:50:04: noch ein
00:50:05: bisschen warten, aber das lohnt sich mit Sicherheit.
00:50:09: Ich freue mich schon drauf und sage Tschüss bis zum nächsten
00:50:12: Mal.
00:50:13: Ja vielen Dank.
00:50:16: Das war eine neue Folge von
00:50:17: Calling East.
00:50:19: Ich hoffe, es hat euch inspiriert und ihr seid auch beim nächsten Mal dabei!
00:50:23: Alle Infos und Links findet ihr in den Shownotes.
00:50:26: Ich freue mich wenn ihr dem Podcast liked weiter empfehlt und abonniert.
00:50:30: übrigens
00:50:31: Wenn ihr selbst ein Rollmodel seid oder eine Form Osten kennt mit der ich sprechen sollte meldet euch gern.
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